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Waiting for the great leap forwards.

„Watch Congress instead of birds“ – Ralph Nader im Flatiron District

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“Guck mal, Ralph Nader hält heute Abend einen Vortrag, nur 10 Minuten von unserem Büro entfernt! Kommste mit?” mailte mir Frau K. am Dienstagmorgen, und natürlich gab’s meinerseits sofort eine Zusage.

Nicht, weil ich Naders neuste Buchveröffentlichung (Unstoppable: The Emerging Left-Right Alliance to Dismantle the Corporate State) zu diesem Zeitpunkt besonders spannend gefunden hätte, sondern weil der ehemalige unabhängige/grüne Präsidentschaftskandidat, Verbraucherschutzantwalt und Bürgerrechtler natürlich ein politisches Vorbild ist, das man immer schon mal live und in Farbe sehen wollte. Wobei der gute Mann auch manchmal Ansichten vertritt, bei denen kritische Distanz angebracht ist; 2004 bezeichnete er z.B. die US-Regierung mehrfach als „Marionette Israels“, was nicht nur faktisch falsch, sondern tendenziell antisemitisch und gefährlich ist. Für gewöhnlich ist Nader jedoch ein kluger, reflektierter Mensch, dem man gerne zuhört.

So oder ähnlich dachten dann auch mindestens 250 New Yorker, der bestuhlte Veranstaltungsbereich in der Barnes&Noble-Filiale am Union Square platzte um 19:00 Uhr aus allen Nähten. Mit ein paar Minuten Verspätung stand Nader dann auf der Bühne: Etwas krumm und etwas müde dreinschauend (der Mann ist immerhin 80 Jahre alt), aber dennoch voller Energie – was der nun folgende, ca. einstündige, rhetorisch nahezu perfekte Vortrag eindrucksvoll bewies.

Auch mit 80 noch bereit zum Gefecht gegen den Corporate State: Ralph Nader

Auch mit 80 noch bereit zum Gefecht gegen den Corporate State: Ralph Nader

Dessen Dreh- und Angelpunkt: Naders (Buch-)These, dass in den USA linke Kräfte durchaus temporär mit liberalen und konservativen Kräfte an einem Strang ziehen können, sofern die beiden letzteren ihre ursprüngliche Ideologie noch ernst nehmen und nach außen vertreten. Was diese Parteien eint: Ihre z.T. zwar unterschiedlich begründete, aber grundsätzlich oppositionelle Haltung gegenüber vier wichtigen politischen und ökonomischen Entwicklungen auf nationaler Ebene. Das sind:

  • die Aushöhlung bzw. Zerstörung von Bürgerrechten (hallo NSA)
  • der Wohlfahrtsstaat für Reiche (hallo Banken-Bailout) in Verbindung mit der unterlassenen Verfolgung von Wirtschaftskorruption (hallo gekürztes IRS-Budget)
  • die irgendwie niemals abgeschlossenen Kriege der USA (hallo Afghanistan)
  • die staatliche Souveränität unterminierenden Freihandelsabkommen (hallo NAFTA & Co.).

Alle diese Entwicklungen werden laut Nader (und vieler anderer Kritikern) von einer politischen und wirtschaftlichen Elite vorangetrieben, die ausschließlich im eigenen Interesse arbeitet und sich höchstens noch ein konservatives oder liberales Label anheftet, aber keineswegs konservativ oder liberal ist, es auch nie war, und deswegen von “echten” konservativen und liberalen Kräften (und linken sowieso) heftig attackiert werden sollte.

Dass dies in der Vergangenheit schon mal funktioniert hat und jederzeit wieder funktionieren kann, zeigte Nader anhand zahlreicher Beispiele (erstaunlich progressive Kommentare von Republikanern, unverhoffte Koop-Kampagnen, zunächst unter den Teppich gekehrte, später jedoch mit großer Mehrheit verabschiedete Gesetze zum Wohle des einfachen Bürgers). Da ich nach einem längeren Arbeitstag etwas müde war und außerdem kein Schreibmaterial zur Hand hatte, kann ich sie an dieser Stelle leider nicht wiedergeben, sie stehen aber sicher im Buch.

Grundlage der Allianzen müsse auf jeden Fall – so Nader – stets das Konkrete, im Alttagsleben der Mehrheit Greifbare sein. Erfolgversprechend ist also z.B. der Einsatz für: anständige Löhne und soziale Sicherungssysteme (auf europäischem Niveau, dessen Absinken ich an dieser Stelle nicht diskutieren möchte), ausreichend Steuergelder für die “Main Street” und ihre Einrichtungen, konsumierbares Essen und intakte Umwelt, rechenschaftspflichtige CEOs und Politiker. Das klingt vielleicht nach einer Binsenweisheit – deren Implementierung scheint jedoch nicht unproblematisch zu sein in einem Land, das sich zwar fast 1,5 Millionen aktive Soldaten leistet, aber nicht in der Lage ist, eine flächendeckende Krankenversicherung einzuführen.

Besonders interessant wurde der Vortrag an der Stelle, wo Nader mit dem (aberwitzigen und total verkrusteten) Zweiparteiensystem der USA hart ins Gericht ging und diverse Strategien formulierte, um es endlich aufzubrechen. Unter anderem die, doch mal einen liberalen Milliardär im Ruhestand zu animieren, Präsident zu werden. Weil der das Geld hat, gegen sämtlichen Widerstand eine dritte Kraft zu etablieren, aber keine irdischen Interessen mehr verfolgt. Sehr lustig, der Vorschlag, wenn auch nicht unbedingt praktikabel.

Im Anschluss an Naders mit viel Applaus bedachtem Solo gab’s dann noch eine längere Diskussion mit dem Publikum, in der der Aktivist immer wieder zu bürgerschaftlichem Engagement aufrief (“Zig Millionen Menschen im Land beobachten Vögel – wenn nur ein Bruchteil von Ihnen den Kongress beoachten würde!”) und seine Hoffnung bekräftigte, dass man mit ein bisschen Engagement und Organisation den Corporate State schon in die Knie zwingen könne.
Tiefgehende System- und Kapitalismuskritik durfte man natürlich nicht erwarten, allerdings suchte Nader auch das Gespräch mit Vertretern von Occupy Wall Street & Co. (denen es seiner Meinung nach an Führungsstärke fehlt) und bat das Publikum, der ebenfalls bei Barnes & Noble gebuchten Senatorin Elizabeth Warren in Sachen Menschenrechte, Sozialstaat & Co. später ordentlich auf den Zahn zu fühlen.

Fazit: Ein interessanter, erhellender Abend mit einem trotz gelegentlicher Ausfälle sehr respektablen Politmenschen. In Europa würde Nader übrigens weniger stark als Dissident wahrgenommen und eher zu den klassischen Sozialdemokraten mit Hang zu Transparenz und grünen Themen gezählt. Wobei die ja zur Zeit auch einen schweren Stand haben.

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