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Waiting for the great leap forwards.

TIME Top 100 für die Tonne

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Dass man vom TIME Magazine keinen frechen oder gar systemkritischen Journalismus erwarten darf, war mir schon vor dem Kauf der aktuellen Doppelausgabe mit den “100 most influential people” klar – und das nicht nur, weil auf dem Cover Beyoncé Knowles prangt (sicher bekannt und sozial engagiert, aber keinesfalls die krasseste Tante auf dem Globus). Ich wollte dem Heft dennoch eine Chance geben und mehr erfahren über Titanen, Pioniere, Künstler, Anführer und Ikonen im Jahr 2014. Aus Sicht der immerhin sehr großen, vermeintlich bunten Redaktion.

Time Top 100

Laut TIME-Redaktion gerade der wichtigste Mensch der Welt: die amerikanische Pop-Sängerin Beyoncé Knowles

Das war ein großer Fehler. Jedenfalls unter dem Aspekt, dass ich meine Zeit nur ungern mit medialer Grütze verbringe.

Haken wir zunächst die alternativen, ebenfalls rot umrandeten Titelseiten ab. Da gibt es (in dieser Reihenfolge) zu bestaunen: Robert Redford, Mary Barra und Jason Collins. Keine schlimme Wahl – Schauspieleropi mit Umweltgewissen, dynamische Tech- und Business-Frau an der Spitze eines Weltkonzerns, schwuler Basketballheld – aber auch eine recht gefällige und v.a. 100% westliche. Alle diese Menschen haben einen amerikanischen Pass.

Ok. Geschenkt.

Nach 10 Minuten blättern im Heft dann aber leichte Kopfschmerzen und steigender Blutdruck, gerade bei den politischen Beiträgen:

Der Artikel über Vladimir Putin stammt allen Ernstes von Madeleine Albright, die Sätze schreiben darf wie: “(H)is rhetoric is nothing more than a fantasy inside a delusion wrapped in a tissue of lies” – look who’s talking!

Noch unangenehmer vielleicht die Stelle, an der Hillary Clinton ihren Kollegen John Kerry über den grünen Klee lobt, als gäb’s kein Morgen mehr: “The people of the United States can be proud he’s representing America and its interests abroad. I know I am.” Alles im grünen Bereich, Baby, gib mir fünf!

Gleichermaßen zum Bepiepen und Kopfschütteln außerdem ein von Politexperte Jürgen Klinsmann (!) verfasstes Angie-Merkel-Kurzporträt, in dem es u.a. heißt: “The quality of her leadership – firm, measured and agreeable – helped return Germany to a place of respect on the football pitch and in the global arena.” Hahaha. Huärks. Hofberichterstattung.

Der Rest der Beiträge über Stars und Sternchen aus allen möglichen Gesellschaftsbereichen schwankt – soweit ich das überblicken konnte – zwischen hmm, ok, naja und schnarch, wobei die Texte durch die Bank extrem schlank ausfallen sind.

Zwischendurch gibt es einzelne Lichtblicke. Zum Beispiel, wenn Daniel Domscheit-Berg (warum eigentlich der?) das Anliegen von Edward Snowden erläutert oder ein Wirtschaftsredakteur den chinesischen E-Commerce-Giganten Jack Ma vorstellt. Irgendwo hinten im Heft kommt auch noch Arundhati Roy vor.

Ingesamt würde ich die Top 100 People Issue aber als boulevardesk-tendenziöses Käseblatt bezeichnen. Ich werde es bei nächster Gelegenheit dem Altpapiercontainer übergeben.

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