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Frank und andere interessante Vögel

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Grey nomads – so werden in Australien Ruheständler genannt, die ihre Ersparnisse in einen Campingwagen oder Ähnliches investiert haben, um mehrere Monate, manchmal sogar Jahre quer durchs Land zu reisen. Eine solche Tour ist Down Under recht unkompliziert und entspannt: Auf den solide ausgebauten Küsten- und Outbackstraßen herrscht tendenziell wenig Verkehr, die Campingplätze sind idyllisch und preiswert, entlang einiger Highways sogar kostenlos. Dementsprechend sind viele Omas und Opas unterwegs. Und die wollen fast immer plaudern.

Das ist auch für kommunikationsfreudige Menschen wie mich anstrengend, da oft nur oberflächliche bis saudoofe Gespräche zustande kommen („Ah, Deutschland! Toll! Mein Schwippschwager kommt aus Wien -sic!- und ich hatte schon mal zwei Stunden Aufenthalt am Frankfurter Flughafen!“ „Ach wirklich? Sehr interessant!“)

Hin und wieder lohnt es sich aber, zuzuhören und einzusteigen. In diesen seltenen Fällen gestaltet sich die Begegnung dann auch wirklich spannend – und deutlich ergiebiger als ein Austausch mit Gleichaltrigen, deren Lebenswege den eigenen doch erstaunlich ähneln.

Einer dieser interessanten Grey nomads, den ich vor ein paar Wochen im Kakadu National Park traf, wo er mit einem fetten Teleobjektiv und größter Geduld mitten im Sumpf saß, um die lokale Vogelpopulation zu knipsen bzw. auf Nachfrage Referate darüber zu halten – einer dieser Menschen ist Frank. Er ist deutlich über 80, sieht aber nicht so aus. Und er spricht auch nicht so. Naturfotografie ist seine Leidenschaft, seit immerhin 35 Jahren, davor sind aber noch ganz andere Dinge passiert:

Als Kind musste Frank in seiner Heimatstadt Pilsen die Nazis erleben („terrible scenes I’ll never forget“), als Jugendlicher konnte er schließlich mit viel Glück und in Gefolgschaft von zwei Kumpels vor den Stalinisten abhauen („With Gottwald in the lead, to asshole we proceed!“). Erste Station: Das von den Amerikanern besetzte Bayern. Schließlich ging’s via Italien/Mittelmeer/Rotes Meer raus aus Europa und Richtung Australien, das damals offener war und vielen Menschen unterschiedlicher Herkunft eine neue Heimat bot (den Umgang mit der indigenen Bevölkerung blende ich mal kurz aus – ganz anderes, fieses Thema). Nach zig Wochen auf See landete Frank jedenfalls – im wahrsten Sinne des Wortes – in Western Australia (Großraum Perth), wo er sich bis weit in die 50er als Arbeiter auf einer Farm verdingte und irgendwann auch die australische Staatsbürgerschaft annahm. Zu gewissem Wohlstand gelangte er schließlich als Personalmanager. Die ersten Wiedersehenstreffen mit der Familie fanden nach zermürbenden bürokratisch-politischen Kämpfen und mehrere Jahrzehnte nach Franks Abschied aus der CSSR statt – und zwar in Ungarn und Jugoslawien. Anno 2014 spielt Europa keine allzu große Rolle mehr für ihn.

Frank

Frank an seinem Arbeitsplatz

Frank lebt in New South Wales, verbringt gerne Zeit in seinem Häuschen in den Blue Mountains und geht noch lieber auf Reisen – vor allem dann, wenn er unterwegs jede Menge Vögel fotografieren kann, deren Namen er natürlich auswendig kennt („Look, a royal spoonbill, also known as black-billed spoonbill or platalea regia – beautiful!“). Auch Wildpflanzen knipst er ausgesprochen gern („That’s a lot easier, ‚cause they won’t fly away after two seconds“). Er ist definitiv ein professioneller Fotograf, auch wenn er sich bescheiden gibt („I’m not a pro, it’s more of a hobby. Well, I won this competition once and I’ve found a publisher for some of the bird and flower pictures – they put out an annual calendar now“). Dass er weiß, was er tut, ist allerdings keine große Überraschung: Mit Fotografie und Kameras beschäftigt er sich immerhin seit Ende der 70er Jahre. Damals gab sein Sohn ihm den Auftrag, von seinen Reisen doch bitte eine ordentliche Spiegelreflexknipse mitzubringen.

Über die Fotografie hat Frank kürzlich auch seine neue, etwa gleichaltrige Reisepartnerin Margaret kennengelernt. In einem Online-Fotoforum hat’s klick gemacht (pun intended). Margaret ist ebenfalls ein interessanter Vogel mit viel Esprit: Als gebürtige Australierin hat sie einen Großteil ihres Lebens in Papua-Neuguinea verbracht, wo sie sich u.a. als Pferdeexpertin und Recherchefrau für die ABC – das OZ-Pendant der BBC – verdingt hat. Margarets Rückkehr nach Australien vor einigen Jahren erfolgte eher unfreiwillig – nach dem gewaltsamen Tod einer Bekannten, die vorübergehend ihr Haus beaufsichtigt hatte, schienen Port Moresby und Umgebung nicht mehr der ideale Ort für eine Dame fortgeschrittenen Alters zu sein.

Den Rest ihrer Lebensgeschichten sollten Margaret und Frank lieber selbst publizieren. Sie könnten das sicher sehr gut, zumal sie vor neuen Medien keine Angst haben. Seit unserem Treffen in Cooinda Ende August habe ich schon mehrere Mails bekommen. Und beim Abendessen auf dem Campingsplatz dort wurde u.a. diskutiert, ob man seine Fotos jetzt besser mit Photoshop, Gimp oder iPhoto bearbeitet.

Als kleine Hommage an die beiden Graunomadenfotonerds (v.a. an Frank, der mir gute Tipps gegeben hat) hier noch ein paar ausgewählte Bilder aus meinem eigenen Portfolio:

Rabenkakadu

Ziemlich wild & ziemlich laut: der Rabenkakadu

Königslöffler

Der bereits erwähnte Königslöffler beim königlichen Löffeln

Riesenstörche

Zwei elegante Riesenstörche

Regenbogenspint

Der unglaublich schick gefärbte Regenbogenspint

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