lxplm.

Waiting for the great leap forwards.

Was ich zum Terroranschlag auf Charlie Hebdo noch unbedingt loswerden muss.

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Viel Kluges (und Dummes) ist bereits über die grauenhaften Ereignisse letzte Woche in Paris geschrieben worden, und die Welt hat nicht auf meine 2 Cents gewartet. Zumal ich weder Satiriker noch Comiczeichner noch klassischer Journalist bin. Allerdings geht mir das Thema Charlie Hebdo gerade nicht aus dem Kopf, und über die damit verbundenen Themen (Recht auf freie Meinungsäußerung, Grenzen des Humors, fundamentalistische Auslegung einer Religion, Orient vs. Okzident, Imperialismus, Kapitalismus, Feminismus) habe ich schon oft gegrübelt. Ich wollte deshalb nicht nur 3x #JeSuisCharlie twittern (bzw. unzulänglich aus der Ferne trauern), sondern auch meine Gedanken ordnen – und die folgenden Thesen formulieren.

Que de l'encre

Tinte statt Terror.

Egal, was Appeasement-Strategen oder Frömmler sagen: Es gibt kein Recht auf die Unversehrtheit religiöser Gefühle. Es gibt aber ein Recht auf Satire. Es gibt ein Recht darauf, Ideen zu kritisieren und zu verspotten. Religion ist nicht mehr als eine Idee, und noch eine sehr gefährliche dazu. Einsatz für die Meinungsfreiheit und Solidarität mit den ermordeten Satirikern (und allen anderen Opfern des Anschlags) bedeutet nun: Kränze niederlegen und Reden halten alleine reicht nicht. Die kontroversen Inhalte müssen geteilt werden – was sich viele Zeitungen nicht getraut haben.

100 coups de fouet

Lachen & teilen, sonst gibt’s Hiebe

Übrigens: Wenn jemand meine “Propheten” angeht und z.B. sagt, dass Rosa Luxemburg eine verblödete Kommunistenkuh war, Foucault nur Blech geschwafelt hat und dieser Snowden ein Vaterlandsverräter ist, dann entgegne ich: Lass mal dein Bratwursthirn entrümpeln. Aber ich werde den Spötter niemals anzeigen oder abknallen.

Selbstverständlich hat die überwältigende Mehrheit der in Frankreich und anderswo lebenden Muslime nichts mit den Mördern vom 7. Januar gemein. Im Gegenteil: Viele dieser Menschen sind aus Ländern geflohen, in denen religiöse Hardliner am Drücker sind (aktuelles Paradebeispiel: Syrien; Paradebeispiel vor 35 Jahren: der Iran). Für die “Sorgen” von PEGIDA, CSU, AfD, NPD etc. haben deswegen nur (andere) Hetzer und Ignoranten Verständnis. Vertreter dieser Gruppierungen heucheln Trauer (gestern war die Lügenpresse doch noch der Feind) und instrumentalisieren den Anschlag für ihre rassistische Propaganda.

Unabhängig davon ist der Islam anno 2015 en gros eine besonders rückständige, blutrünstige Religion, die in ihren Hauptverbreitungsregionen (das sind nicht Deutschland oder Frankreich, liebe Angstbürger!) viel zu viel negativen Einfluss auf politische Prozesse hat (jüngstes Beispiel: die öffentliche Auspeitschung des Bloggers Raif Badawi). Die Trennung von Kirche und Staat/Gesellschaft mit allen positiven Auswirkungen ist dagegen vor allem im Westen anzutreffen. Daran gibt es nichts zu rütteln. Es gibt kein muslimisches Pendant zu Schweden oder Neuseeland. Allerdings: Ultimativ sind alle Religionen gleich ekelhaft. Wenn jemand sagt: “Beleidigte, fundamentalistische Christen haben keine Redaktionsgebäude in Grund und Boden geschossen und Dörfer in Nigeria vernichtet”, entgegne ich: “Nee, nur ein paar Abtreibungskliniken. Und bei den Kreuzzügen und Hexenverbrennungen haben Sie sich ja damals auch eine Runde ausgetobt.” Auf ultraorthoxe Juden will ich an dieser Stelle nicht näher eingehen. In deren Lebensentwürfen findet sich aber auch eine Menge Wahnsinn – die ganze Bewegung ist schließlich als Reaktion auf die jüdische Aufklärung entstanden.

Das bringt uns gleich zum nächsten Punkt: Ganz ohne Religion – zumindest institutionalisierte – wäre die Welt sicher ein besserer Ort. Bis es soweit ist, bin ich für strengen Laizismus. Und dafür, dass religiöse Führer überall kritisch beäugt und Dogmen zurückgedrängt werden. Und nein, ich möchte nicht das Recht auf freie Religionsausübung abschaffen. Die Leute sollen mich (und andere Naturalisten, Atheisten, Agnostiker) nur mit Ihrer Religion in Ruhe lassen. Und lieber mal ein paar humanistische Manifeste lesen. Die haben alle guten Grundsätze und Gebote aus Bibel, Koran & Co. übernommen – und die schlechten (=menschenverachtenden) einfach über Bord geworfen. Tolle Sache.

Religion ist aber nicht das einzige Problem. Schaut man sich an, wer die Welt in den letzten 100+ Jahren durch imperialistische und geostrategische Gelüste ins Chaos gestürzt hat, so stellt man fest: Das waren vor allem westliche, kapitalistische Nationalstaaten. Bei dieser Aufteilung, Besetzung und Ausbeutung ganzer Erdteile haben eine Menge nicht-westlicher Gesellschaften bis aufs Blut gelitten, viele Regionen sind bis heute völlig destabilisiert. Und wer profitiert von sowas? Richtig: Terrororganisationen wie Al-Qaida, IS und andere Irre, die von den USA & ihren Verbündeten in vielen Fällen übrigens jahrelang finanziert und/oder ausgebildet wurden, weil man glaubte, sie gegen vermeintlich schlimmere Feinde einsetzen oder gegeneinander ausspielen zu können. Hat nicht so gut funktioniert.

Und noch ein Gedanke: Islamistische Gewalt geht – wie alle Gewalt – meist von Männern aus. Die salafistischen Drahtzieher sind Männer, die “Soldaten” sind Männer – und der IS führt (genau wie Boko Haram) einen brutalen Feldzug gegen Frauenbildung, Frauenrechte und überhaupt: gegen Frauen. Was ich damit sagen will? Vielleicht wäre es auch eine gute Idee, sowohl in muslimischen Gesellschaften, die von Islamismus bedroht sind, als auch hier in Europa in ganz großem Stil islamische Feministinnen und ihre Netzwerke zu unterstützen. Ja, die gibt es. Schmeißt doch mal eure Suchmaschine an.

Zusammenfassung: Schön wäre die Welt ohne Hass, Religion, Kapitalismus, Imperialismus und Patriarchat. Das haben die toten Zeichner sicher ähnlich gesehen.

Illustrationen: Cy (1) und Charlie Hebdo (2)

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