lxplm.

Waiting for the great leap forwards.

Euphorie, Empathie und Empörung

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Im August ist meine Tochter auf die Welt gekommen.

Nachdem ich diesen Satz getippt habe, muss ich gleich innehalten und mir über seine Bedeutung klar werden. Und darüber, dass ich mir viele Jahre gar nicht habe vorstellen können, ihn – mit Variatio in Bezug auf das Datum – ganz feierlich und voller Glück formulieren zu können.

Im August ist meine Tochter auf die Welt gekommen.

Seitdem haben sich die Prioritäten deutlich verschoben. Natürlich habe ich noch immer großes Interesse an Politik und Kultur und Computerzeug, aber im Zweifelsfall ist das Interesse an meiner Tochter größer. Denn sie ist in jeder Hinsicht wunderbar. Und sie wird es mindestens ein Dutzend Jahre bleiben (bis zum Zeitpunkt, an dem sie Poster peinlicher Bands über ihr Bett hängt, Pferderomane hortet oder sündhaft teure, aber billig-rücksichtlos produzierte Markenklamotten auf ihre Konsumwunschliste setzt).

Im August ist meine Tochter auf die Welt gekommen.

Seitdem ist es vorbei mit der 24/7-Digital-Analog-Medien-Infusion. Das mit dem Lesen klappt zwar noch ganz gut (ein Blogartikel morgens, ein Buchkapitel mittags, ein paar Tweets am Abend), viel mehr ist aber nicht drin. Vor allem für epische Filme und für Serien fehlt die Muße. Ausnahme: Die britische Sitcom The Delivery Man. 6 Folgen à knapp 25 Minuten – das kriegt man auch als eingespannter Papa hin. Und das Thema passt hervorragend: Matthew Bunting (Darren Boyd) hat seinen alten, laut eigener Aussage unbefriedigenden Polizei-Job an den Nagel gehängt, um in der Easthill Park Maternity Unit als Midwife anzuheuern. „There’s a new life starting and I want to play a part in it“ singen die Jungs im Titelsong.

Im August ist meine Tochter auf die Welt gekommen.

Seitdem ist mein Respekt vor Frauen noch größer geworden. Unglaublich, was meine Partnerin in der nahezu 10-monatigen Produktionsphase geleistet hat. Fast ohne Murren und Knurren. Faszinierend, wie sie weiterhin als einzige Nahrungsquelle der Kleinen fungiert. “Wenn ihr Männer ihr so was könntet – Kälbchen heranzüchten, mit großer Geste gebären, Zapfsäulen in Dauerbetrieb nehmen – dann würdet ihr doch *permanent* damit angeben.” Ich gehe schwer davon aus, dass sie Recht hat.

Im August ist meine Tochter auf die Welt gekommen.

Seitdem bin ich einerseits viel weicher und geduldiger gestimmt. Andererseits finde ich es nun noch wichtiger, bei bestimmten Themen knallhart meine Meinung zu formulieren und vollkommen ungeduldig zu sein. Es ist zum Beispiel eine Frechheit, dass freie Hebammen (die einen großartigen Job machen) dermaßen schlecht bezahlt werden und von ihrem Miniaturgehalt auch noch 500 Euro Haftpflicht pro Monat bezahlen müssen. Und es ist eine Tragödie, dass Mütter und Väter und Töchter und Söhne, die aus Krisengebieten geflüchtet und ohnehin schon traumatisiert sind, in Deutschland anno 2015 nahezu täglich von abendländischen Arschlöchern terrorisiert werden. Wobei diese Flüchtlinge ja noch Glück haben – ihre Freunde und Nachbarn sind vermutlich schon in der Heimat in Fetzen geschossen worden (auch von deutschen Waffen) oder im Mittelmeer abgesoffen (weil sich die EU für legale Fluchtrouten und moderne Einwanderungsgesetze wenig interessiert). Ich wünsche mir *wirklich besorgte* Bürger, die deswegen mal im großen Stil auf die Straße gehen und Rabatz machen. Das wird man als Papa ja wohl noch schreiben dürfen.

Im August ist meine Tochter auf die Welt gekommen.

Deswegen höre ich jetzt auch schon wieder auf mit dem Getippe und bestaune stattdessen meine höchst persönlich kreierte Bio-Fork, ein perfektes Trockennasenäffchen*, Ergebnis von ca. 3,4 Millionen Jahren Evolution und einer noch viel, viel größeren Zahl an Zufällen. Bei jeder Guten-Morgen-Umarmung vergieße ich ein Tränchen. Nicht zuletzt deswegen, weil meine Tochter aufgrund der ganzen Zufälle einem ziemlich guten, privilegierten Leben entgegensieht.

* korrekter Fachbegriff

9 Kommentare

  1. Hi Alex!
    Nicht nur als Papa darf man das wohl noch schreiben, jeder andere auch, der sich dazu berufen fühlt. Das ist doch das Schöne in unserer Demokratie, auch wenn sie nicht perfekt sein kann, aber meckern, protestieren, demonstrieren etc. darf man nach eigenem Gusto, ohne um Leib und Leben fürchten zu müssen wie in manch anderen Ländern, von daher sind wir doch fast alle schon ziemlich privilegiert, obschon das weltweit eigentlich nur ein normaler Umstand und erlaubt sein sollte.
    Gruß Eric und viel Spaß noch mit deiner Tochter (solange es noch möglich ist)
    PS: Du weißt ja, kleine Kinder, kleine Sorgen; große Kinder, große Sorgen!

    • Lieber Eric, danke fürs Feedback. Tatsächlich wollte ich die momentan oft gehörte Floskel „man wird ja wohl noch…“ aufs Korn nehmen bzw. mit fortschrittlichem Inhalt aufladen. Meist wird sie nämlich von reaktionärem Käsekuchen begleitet, der mit freiheitlichem Denken wenig bis gar nix zu tun hat. Anderes Thema: Wir sehen uns übernächstes Wochenende bei der TT-Stadtmeisterschaft? Antwort gerne per Mail. :-)

  2. Der Text hat mich sehr berührt

  3. Wie schön und ganz herzlichen Glückwunsch ? mein Mann Holger war bestimmt bei Euch und hätte sich genauso gefreut. Ganz liebe Grüße und alles alles Gute für Euch 3? Christin

    • Liebe Christin, schön von dir zu lesen. Danke für die guten Wünsche! Ich habe erst kürzlich wieder an Holger und sein Basteltalent gedacht. Er hätte sicher großartige Ideen für Open-Source-Babygadgets gehabt. Herzliche Grüße gen Ostsee – und meld dich, falls du mal einen Ausflug ins Rheinland machst.

  4. Hallo an die kleine Familie,

    oder sollte der Begriff schon kritisch beäugt werden, dann an die Lebensgemeinschaft, für die – und das ist weltweit auch sprachlich fast gleichklingend – Mama und Papa für lange Zeit die Verantwortung haben.
    Und die wird – neben all dem vernehmbaren Stolz auf das kleine Menschlein – schon jetzt praktiziert: es wird im Foto eben kein Abbild präsentiert von der Tochter – und das ist gut so! Es reichen die symbolischen Hinweise.

    Und bei aller Notwendigkeit zwar Partei zu ergreifen für die ethischen und politischen Themen, die das Leben und die Lebensumstände gerechter, aufgeklärter und damit menschenwürdiger machen, jedoch niemals parteiisch zu werden, gilt als einzige akzeptierte Ausnahme: für die Tochter darf Mama und Papa auch mal parteiisch sein.

    Und so wird dann zukünftig noch intensiver die Frage in das gemeinschaftliche Leben treten – jeweils dem Alter angemessen kommuniziert – was ist zu tun, damit ein menschliches Leben wohl gelingt.

    Der „rote Faden“, den der alte Kant als Rahmensetzung formulierte, ist durchaus auch heute noch ein brauchbarer, um die Pädagogik ethisch zu begleiten:
    Was kann ich wissen? (da muss jeder Papa und jede Mama ständig am Ball bleiben…)
    Was soll ich tun? (… die Selbständigkeit und das selber Denken fördern und dafür Raum und Zeit geben…)
    Was darf ich hoffen? (… dass die Vermittlung des Urvertrauens gelingt, von dem dann die Welt erobert wird und die Empathiefähigkeit ein begleitendes Korrektiv sein kann…)

    Es wird ein langer Weg, der nur gemeinsam gelingt, um die Fragen, was der Mensch sein sollte in der sich ständig verändernden Welt, vielleicht beantworten zu können.

    Möge die Reflexionsfähigkeit eine der Stärken eurer Tochter werden, dann kann ein Nein-Sagen mit Überzeugung gelebt werden.

    Möge die Freude an der Ästetik sich auch handelnd äußern können, in der Musik, in der handwerklichen Gestaltung, beim Sehen, Hören und Fühlen.

    Möge die Lust am Hinterfragen sich ständig weiterentwickeln.

    Möge jeder Weg zum Glück der richtige sein.

    Und möge euch als Mama und Papa nie die Kraft verlassen, das alles zu bewältigen.

    Möge meine Wünsche von euch individuell ergänzt werden und sich erfüllen.

    Herzlichst Johannes… ein Vater und Großvater… ( auch ein lebenswertes Ziel :-) )

    • Lieber Johannes, danke für deinen langen, durchdachten Kommentar – und für die guten Wünsche. Ich hoffe, dass du die Papa- und Oparolle weiterhin erfolgreich ausfüllen kannst und nebenbei noch genug Zeit für das Reich der Philosophen und Blogger hast. Wir lesen uns!

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