lxplm.

Waiting for the great leap forwards.

Danke, Erika Steinbach!

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Wer seiner Meinung besonderes Gewicht verleihen möchte, der lässt sie von Menschen untermauern, die er sonst eher zum Lager der politischen Gegner zählt. Nachdem die Bundesregierung Ende der 90er zum Bombardement von Belgrad geblasen hatte, berief ich mich zum Beispiel gerne auf Willy Wimmer (CDU), der den NATO-Einsatz mit deutscher Beteiligung als (verfassungswidrigen) „ordinären Angriffskrieg“ einstufte. Und erst im Oktober 2014 verwies ich auf eine Analyse des konservativen Telegraph aus Großbritannien, in der deutsche Wirtschaftsdogmen wie Austerität und Merkantilismus gegeißelt wurden („German model is ruinous for Germany, and deadly for Europe“). Das Prinzip dürfte klar sein. Und natürlich kann es jeder anwenden.

Letzten Dienstag nun gab es große Aufregung über eine Äußerung von (CDU-Rechtsaußenschreckschraube) Erika Steinbach: Sie erklärte auf Twitter, dass sie mit ihren Kollegen des gerade verstorbenen Altkanzlers Helmut Schmidt gedacht habe, um ihn direkt im Anschluss auf dem gleichen Kanal mit folgenden Worten zu zitieren:

„Wir können nicht mehr Ausländer verdauen, das gibt Mord und Totschlag“

Das mag ein wenig pietätlos sein und den Tod Schmidts direkt für Steinbachs (eklige) politische Ziele instrumentalisieren, aber – was viel entscheidender ist: Schmidt hat das 1981 tatsächlich gesagt. Und 1982 fügte er sogar hinzu:

„Mir kommt kein Türke mehr über die Grenze“

Halt, halt, höre ich jetzt Kritiker rufen – das ist doch aus dem Zusammenhang gerissen. Schmidt wollte vor allem davor warnen, dass die Stimmung im „Volk“ bei zu vielen Migranten eben kippen könnte. Der Witz an der Sache: Genau das wollen CDU/CSU auch. Und genau das ist das Problem.

Sowohl Sozialdemokraten als auch Unionspolitiker schaffen es so gut wie nie, konstruktiv-weltoffene Lösungen zu präsentieren und sich gleichzeitig von rechten Tendenzen in der Gesellschaft glaubhaft zu distanzieren. Sie greifen letztere – im Gegenteil – gerne auf und sichern sich so Wählerstimmen, auf die tatsächlich sozial und/oder christilich eingestelle Demokraten bestimmt verzichten würden. Beispiele für dieses politische Vorgehen sind u.a. die drastischen Asylrechtsverschärfungen von 1993 und 2015 sowie das weiterhin völlig verkorkste deutsche Zuwanderungsgesetz.

Das führt zu einer weiteren Erkenntnis: Erika Steinbach hat nur scheinbar einen politischen Gegner zitiert. Schmidt hätte – trotz vereinzelter fortschrittlicher Ansichten und gewisser staatsmännischer Größe – auch im Steinbach-Club Karriere machen können. Ich fasse an dieser Stelle nur in Stichpunkten zusammen: Offizier in der Wehrmacht (mit Beteiligung an der Leningrader Blockade), Rasterfahndungsbefürworter, Co-Architekt des NATO-Doppelbeschlusses, Atomkraftfan und Klimaskeptiker, Quasselstrippe in unzähligen schlechten Talkshows – und eben kein großer Freund von Menschen nicht-biodeutscher Herkunft. Besonders dann, wenn sie in größerer Zahl auftraten.

Mich an all das zu erinnern, das ist das Verdienst der blonden Frau aus dem Reichsgau Danzig-Westpreußen. Deshalb ausnahmsweise: Danke, Erika Steinbach!

Fotos: Wikimedia Commons (1, 2)

Ein Kommentar

  1. Hi Alex!
    Dir ist wirklich nichts heilig! Nicht , das ich vieles darüber nicht selber bereits wusste, auch ich würde ihm nicht unbedingt einen Heiligenschein verpassen wollen, aber manchmal will man es eigentlich gar nicht ganz so genau wissen. 😉 Aber dennoch, weiter so.
    Jeder Blickwinkel hat seine Berechtigung, zumindest wenn er stichhaltig genug begründet ist. In Watte gebauschte Hymnen gibt es ja in den Medien bereits mehr als genug.
    Gruß Eric.

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