lxplm.

Waiting for the great leap forwards.

The game, not the tools. Oder: Kling, Hawking, yours truly & die Automatisierung

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Ökonomische und soziale Folgen der Automatisierung und Digitalisierung sowie der richtige und der falsche Umgang damit – das ist ein verdammt wichtiges Thema. Und leider eins, über dass noch immer viel zu selten gesprochen wird. In den letzten Wochen hat es mich aber gleich drei Mal hintereinander angesprungen, in unterschiedlichen Zusammenhängen.

Ende Februar habe ich (mit leichter Verspätung) Qualityland gelesen, das neuste Werk von Beuteltier-Bestseller-Autor Marc-Uwe Kling. Es handelt sich um eine grundsolide und witzige Technik-Dystopie, der man einige gestelzte Passagen mit Oberlehrer-Charme gerne verzeiht; ich vergebe 7 von 10 Punkten und empfehle die Lektüre. Der vielleicht interessanteste Erzählstrang verfolgt den Werdegang von John of Us, seines Zeichens KI im Kunstkörper und Kandidat der Fortschrittspartei. Die FP ist quasi die SPD von Qualityland (= BRD 20??), die dort in ewiger „größter Koalition“ mit der Qualitätsallianz (= Union 20??) regiert, endlich auch noch mal was reißen will und – eher aus Versehen und Personalnot – den äußerst fähigen (und sympathischen) JoU ins Rennen schickt. Dessen Hauptgegner sind neben dem rechtpopulistischen bis rechtsradikalen QA-Kandidaten Conrad Koch und seiner Entourage die „Aktivisten“ der VWfdHdM. Das steht für „Vorderste Wiederstandsfront (sic!) gegen die Herrschaft der Maschinen“, eine Art AfD-Verschnitt, der die völkische Ausrichtung jedoch gegen eine ludditische getauscht hat. Größte Herausforderung für John und seine Wahlkampfmanagerin Aisha Ärztin (geborene Flüchtling): Dem aus Gründen nicht ganz so fortschrittlichen Neoprekariat vermitteln, welche Forderungen tatsächlich in seinem Interesse und im Interesse von Qualityland liegen würden.

Zurück in die Wirklichkeit und zu einem HLT-Projekt namens news.bridge, mit dem ich mich gerade beruflich beschäftige. HLT steht für Human Language Technology, und es geht konkret um die möglichst schnelle und unkomplizierte Überführung (audiovisueller) journalistischer Inhalte aus allen möglichen Quell- in möglichst viele Zielsprachen. Mit Hilfe von Machine Learning und künstlichen neuronalen Netzwerken bzw. Google Translate, IBM Watson, DeepL & Co., zusammengeführt in einer versatilen Internet-Platform. Cooles Zeug – nicht zuletzt, weil sich das Konsortium ganz hemdsärmelig am vorhandenen Hi-Tech-Buffet bedient und multilinguale Nachrichteninhalte möglichst vielen Menschen möglichst unkompliziert erschließend will. Bei einem Meeting erfuhr ich kürzlich jedoch, dass sich im Hintergrund Protest regt. Nicht (bzw. noch nicht) gegen das Projekt selbst, aber gegen die Dienste dahinter. „Google Translate – nein danke“ oder so ähnlich. Übersetzer aus dem 20. Jahrhundert sind ganz schön besorgt.

Mitte März nun hat uns der große Physiker und Kosmoserklärer Stephen Hawking verlassen. Ohne sehr weit entwickelte Technik hätte der in den letzten Jahrzehnten seines Lebens übrigens gar nicht (oder nur sehr eingeschränkt) kommunizieren und arbeiten können. Kurze Zeit nach der Todesmeldung bin ich im Netz noch einmal auf Hawkings letzten Post gestoßen, einen vor gut zwei Jahren publizierten Reddit-Beitrag. Der geniale Wissenschaftler schreibt, als Replik auf einen User, der sich nach den Konsequenzen technologisch bedingert Arbeitslosigkeit erkundigt:

If machines produce everything we need, the outcome will depend on how things are distributed. Everyone can enjoy a life of luxurious leisure if the machine-produced wealth is shared, or most people can end up miserably poor if the machine-owners successfully lobby against wealth redistribution. So far, the trend seems to be toward the second option, with technology driving ever-increasing inequality.

Mit anderen Worten: Nicht die Maschinen sind das Problem, sondern der Kapitalismus, zumindest in seiner jetzigen Form.

John of Us sagt in Klings Roman:

Ich weiß, viele von Ihnen haben Angst vor uns. Und unter den gegeben ökonomischen Strukturen nicht mal grundlos. Aber eben darauf will ich hinaus! Die Automatisierung von Arbeit müsste keine Tragödie sein. Ganz im Gegenteil. In einem anderen Wirtschaftssystem wäre sie ein Segen.

Diese Message stößt beim Regierungspersonal großer Industrienationen freilich (weitgehend) auf taube Ohren. Im real existierenden GroKo-Land wurde zum Beispiel gerade erst wieder ein Digitaloberhaupt gekürt, das a) mäßig informiert ist, b) für ein neoliberales bis ultrakonservatives Betriebssystem plädiert, c) keine Probleme damit hat, wenn sich verarmte Autochthone und Migranten um Kuchenkrümel kloppen müssen und d) in erster Linie durch Flugtaxigefasel auffällt. Bemühungen, die (ausreichend vorhandenen) Ressourcen nachhaltig umzushiften und in großem Stil in Bildung und Soziales zu investieren – Fehlanzeige.

Gleichzeitig mangelt es der Zivilgesellschaft und vielen politischen Aktivisten an Fantasie und Verve und Schlagkraft. Automatisierung vorantreiben und gleichzeitig für die wirtschaftliche Absicherung und Teilhabe der Kollegen und Nachbarn eintreten. Coole, sinnvolle, interessante Arbeitsplätze schaffen. Public Service Media radikal reformieren. Zu neuen kreativen Ufern aufbrechen, die nur der Mensch erreichen kann. Die Tech-Giganten stärker regulieren und schlussendlich vergesellschaften, ohne sie zu schwerfälligen Bürokratiemonstern zu machen. Das wäre doch mal was!

Ein Hoffnungsschimmer: Klings subversives Unterhaltungsbuch hat den Sprung in die Bestseller-Listen geschafft, Hawkings Zitat hat sich viral verbreitet, und bei mir im Büro ist es durchaus möglich, konstruktive Diskussionen rund um die gerade angerissenen Themen zu führen. Und wer weiß: vielleicht stellt die SPD ja 2021 aus Versehen und Personalnot einen Roboter als Kanzlerkandidaten auf, der uns alle rettet.

(Photo by Alex Knight/Unsplash)

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